Donnerstag, 22. Oktober 2015






BÖTTCHER-NEWSLETTER 10/2015

VON  ASCHEWOLKEN, UNSTERBLICHEN STÜRMEN UND GISELA.


Liebe Freunde,

ah. Pfft. Ein Aschewölkchen umweht mein Haupt. Das war ja mal sowas-von-nix-mit-wenigstens-alle-zwei-Monate-mal-einen-Newsletter-rausschicken. An alle also, die sich immer darauf freuen, Neuigkeiten aus der Schreibstube meiner Villa Kunterbunt zu lesen – und ganz besonders an die, die mir sogar ihre Sorge mitgeteilt haben haben, dass sie womöglich unsere Tourtermine verpassen würden - ein dickes und herzliches: Schulligung. Und an alle, die jetzt genervt sind, weil sie sich nämlich schon diebisch gefreut hatten, meine Newsletter endlich nicht mehr ungelesen löschen zu müssen: auch Schulligung (natürlich nur halb so herzlich, alles andere wär' glatt gelogen. Außerdem werden die das jetzt ja auch gar nicht lesen.) :-)

Der Grund dafür, dass ich nicht dazu komme Newsletter oder Blogs zu schreiben ist übrigens der, dass ich so viele Dinge tue, über die ich seitenweise im Newsletter und im Blog schreiben könnte, wenn ich nicht stattdessen die ganzen Dinge täte, über die ich gern im Newsletter oder im Blog schreiben würde.

Konkret heißt das, dass ich auch hier und jetzt keine Zeit finden werde, meine üblichen kleinen Geschichten zu erzählen oder semipolitische Statements abzugeben. Schulligung #3. Ich sammel die Geschichten aber – um sie dann evtl. im nächsten Jahr mit euch zu teilen, sofern ich da nicht wieder diese ganzen Dinge tue, die... ach, seufz, ihr wisst schon.

Was die Statements zur Lage der Herzen und der ganzen Welt angeht, habe ich gerade nicht das wichtigtuerische Gefühl, dass etwas fehlt, wenn ich mich nicht großartig an den Diskussionen beteilige. Die Themen sind so verflixt groß. So wichtig. Flüchtlinge. Versperrte Grenzen. Mauern. Panzer. Kalte Herzen. Kriege. Ängste. Erschütterung. Es mag weiter trivial klingen – aber das ist es ja nie: Die Antwort auf alles findet sich immer in der eigenen Bereitschaft zu lieben. Ich bleibe standhaft dabei, dass die Liebe die Antwort auf alle Fragen ist – sogar auf die, die wir nichtmal stellen. Wohin reist ein liebendes Herz in all diesen Fragen also, in welche Richtung mag es sich wenden? … etwa zu Pegida? Ach, Gisela, bitte versteh doch. Nein, das geht nicht zusammen, bei Pegida mitzumarschieren und dann am Folgesonntag in der Kirche zu singen. Nein... ähm... nein, die Kreuzzüge waren... auch nicht... ok … nein … also, nein, wirklich nicht, Gisela.

Ich lasse das alles wenigstens aus Zeitgründen mal rechts liegen und beschränke mich also jetzt auf die guten Nachrichten und Fakten aus der Welt der Kunst – und von denen gibt’s reichlich:

TOUR UND TIEFSEHTAUCHEN STAFFEL 3 IM NOVEMBER!
NEUES BUCH UND NEUES ALBUM IM MÄRZ 2016!

Es ist mir eine große Freude und Ehre, beides nun offiziell ankündigen zu dürfen: Mein neuer Roman „Herr Sturm und die Farbe des Windes“ wird ebenso im März 2016 erscheinen, wie unser neues Album „V: Unsterblich“.

HERR STURM UND DIE FARBE DES WINDES
Roman. ca. 300 Seiten. Erscheint bei SCM.

Der hübsche Teaser-Text des Verlages liest sich so:

Herr Sturm hat das Leben satt. Der erfolglose Schriftsteller hangelt sich durchs Leben, indem er Texte für dämliche TV-Soaps fabriziert. Doch dann wird in einer geheimnisvollen Zeitungsannonce jemand gesucht, der 12 Menschen treffen soll, um ein Buch über ihren Glauben zu schreiben. Die Bezahlung ist gut und Sturm nimmt den Auftrag an. Doch die Gespräche wühlen ihn mehr auf, als er gedacht hat. Er wird nicht nur mit dem Glauben der anderen konfrontiert, sondern auch mit einem schmerzhaften Teil seiner eigenen Geschichte: der verlorenen Liebe seines Lebens. Langsam fragt er sich, wer sein Auftraggeber in Wirklichkeit ist.


JENS BÖTTCHER & DAS ORCHESTER DES HIMMLISCHEN FRIEDENS
V: UNSTERBLICH
Neues Album im Digipack. 14 neue Songs. Label: schwarzweissradio. Vertrieb: SCM.

Der Nachfolger von „IV: Revolution“ wird ebenfalls im März erscheinen. Henry, Karsten und ich befinden uns grade noch mitten in der Produktion. Und wir möchten euch dabei wieder um eure aktive Hilfe bitten – so wie beim Revolution-Album sind wir wieder auf eine Crowdfunding-Aktion angewiesen, um die Produktions- und Herstellungskosten stemmen zu können. Wir wollen es diesmal aber nicht so offiziell über eine CF-Plattform machen, wie beim letzten Mal. Und wir wollen vor allem nicht darauf angewiesen sein, dass eine bestimmte Summe erreicht werden muss. Wer mitmachen möchte, kann mir sehr sehr sehr gern eine Mail schreiben. Wir werden nach dem Ende unserer kommenden Tour (siehe unten) dann eine Sammelmail rausschicken und euch über alle Details in Kenntnis setzen. Bitte sagt das auch seeeeehr gern weiter. Wer mitmachen und uns helfen möchte, indem er/sie vorab ein reguläres Album oder die Deluxe-Version von „V: Unsterblich“ (mit vielen tollen Extras) erwirbt, schreibt bitte einfach kurz und formlos an:


Danke!!!!

TIEFSEHTAUCHEN: Season 3.
Ab November in der Youtube und bei Bibel TV (voraussichtlicher Sendestart am 28.11., dann wie immer samstags 1830h und sonntags 2330h)

Wir haben einen Schwung neuer Episoden fertig – mit ganz fabelhaften Gästen. Nämlich:

Sarah und Steffen von Mrs. Greenbird (Folge 1).
Eva-Maria Admiral (Folge 2)
Switchfoot-Sänger Jon Foreman (Folge 3 und Folge 4)
Cynthia Nickschas (Folge 5)

Dazu gibt es zwei Musikspecials (Folgen 6 und 7), in denen wir endlich einige der großartigen musikalischen Vorträge unserer Gäste geballt ausstrahlen können. Von diesen Specials wird es in Zukunft auch noch ein paar mehr geben (wir haben wirklich so viel gutes Zeugs zusammen – das passt leider auch nicht in zwei Sendungen). In den Specials gibt es u.a. exklusiv fürsTiefsehtauchen aufgenommene Songs von Jon Foreman, Mrs. Greenbird, den Neumanns, Dania König, Johannes Falk, Laith Al-Deen, Cynthia Nickschas usw usw. :-) Das wird schön.

Die neuen Folgen zu drehen, war wieder sehr besonders. Die Gespräche gingen wirklich tief. Es ist und bleibt wunderbar, all diesen Menschen zu begegnen, die bereit sind, nicht bloß herumzuschwafeln, sondern uns allen beim Tiefsehtauchen ihr ganzes Herz zu zeigen. Ich bin wirklich sehr dankbar für jede einzelne Begegnung und hoffe nun, dass es für euch eine ebensolche Freude sein wird, die Folgen anzuschauen.

Die kompletten Tiefsehtauchen-Staffeln 1 und 2 könnt ihr natürlich weiterhin jederzeit auf unserem Tiefsehtauchen-Youtube-Kanal anschauen. Unser besonderer Dank geht an alle bisherigen Gäste, an unseren großartigen und großzügigen Unterstützer Willi Neumann samt seiner wunderbaren Familie – und an euch alle, die ihr die Sendung so regelmäßig anschaut und uns oft so großartiges Feedback gebt. Das ist sehr ermutigend. Wir freuen uns darüber wirklich sehr. Thx.

JENS BÖTTCHER & DAS ORCHESTER DES HIMMLISCHEN FRIEDENS
AUF „REVOLUTION-2015“-TOUR IM NOVEMBER.

Wir sind unterwegs! Mit den Klängen der „Revolution“ und den vorigen Alben – plus erstmals auch mit einigen der neuen „Unsterblich“-Songs. Und zwischendurch les ich wahrscheinlich auch ein bisschen was. Und das alles hier und dort:

13.11. Heimhoftheater Burbach (bei Siegen/ Wetzlar)
Special Guest: Johanna Klöpper 


14.11. Evangelische Kirche Schnellenbach. Alte Landstrasse 31. 51766 Engelskirchen


15.11. Frankfurt (Hauskonzert)


17.11. Karlsruhe

Aribert-Jäck-Saal. Stephanienstrasse 60, 76133 karlsruhe

18.11. Strasbourg (FR/ Hauskonzert)

19.11. Konstanz (Hauskonzert/Geigenwerkstatt)

20.11. Stuttgart-Fellbach BlueU
Esslinger Str. 190, ST-Fellbach

21.11. Huttwil (CH)

Wir freuen uns riesig darauf, euch unterwegs zu treffen! Kommt vorbei und bringt gern auch eure fünf besten Freunde und eure liebsten Haustiere mit.

So, das war's jetzt mal für den Moment. Ihr ahnt es vielleicht, wir sind insgesamt recht fleißig. Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit, euer Interesse, eure Freundschaft und eure Liebe. Und bitte reicht die Sache mit dem Crowdfunding gern weiter. Ihr würdet uns damit sehr helfen, die immer noch (man glaubt es kaum - bis man sich und das eigene Herz im Spiegel ansieht) revolutionäre Botschaft von mehr Liebe, mehr Gnade, mehr Offenherzigkeit und mehr Miteinander in die Welt zu tragen. Demnächst dazu also mehr Infos und Details.

Zum Schluss, wie immer, und, nee, ja, doch, das lass ich mir trotz Zeitnot nicht nehmen, hier noch mein Zitat des Monats, äh, Vierteljahres.

He who yearns
for God
will find Him
and for the man
who has found Him
death dies.
~ Sri Anandamayi Ma

Auf bald, in Liebe und herzlichst und Godspeed y'all.
j.

***

Jens via Facebook:

Jens Böttcher oder Paco de Luca.

Web:

pacodeluca.blogspot.de


Freitag, 13. März 2015

# SIE BREITEN IHRE FLÜGEL AUS - neues Video und Updates 03/15







BÖTTCHER-NEWSLETTER 03/2015  -  SIE BREITEN IHRE FLÜGEL AUS

Liebe Freunde,

hier kommen die allerherzlichsten Grüße von mir zu euch. Heute außerdem mal keine 8tausend weiteren Zeilen, sondern nur ein paar Schlagzeilen und der Hinweis auf ein neues Video in der YouTube (nach dem letzten Blog/Newsletter hatte ich übrigens gleich ein ganzes Dutzend "Dislikes" auf meiner Facebook-Seite... :-)) irgendwas hab ich da wohl falsch gemacht... ;)) )... 

## NEUES VIDEO

JENS BÖTTCHER & DAS ORCHESTER DES HIMMLISCHEN FRIEDENS
"Sie breiten ihre Flügel aus"
(vom Album: "IV: Revolution")


Schaut mal rein - und wenn es euch gefällt und ihr jemanden kennt, der dieser Tage, Woche und Monate unter dem Verlust eines geliebten Menschen leidet... dann reicht es bitte sehr gern weiter. Es ist aus der Sicht eines Verstorbenen geschrieben, der diese Worte direkt in die Herzen der Hinterbliebenen singt. Natürlich wird das Einigen absurd vorkommen. Aber es bedeutet uns und besonders mir sehr viel. Ich habe beim Schreiben dieses Songs auch und besonders jene Worte wieder-zu-finden-und-auf-Papier-fest-zu-halten-versucht, die seit meinem eigenen Sterbeerlebnis vor einigen Jahren in mir waren. Und weiter in mir sind.  ###

Auch in der nächsten Staffel vom "Tiefsehtauchen" wird es übrigens eine Episode geben (mit unserem wunderbaren Gast Peter Godzik), die sich mit dem Thema Hospizarbeit und Trauerbegleitung beschäftigt. Alle Tränen werden... getrocknet sein... eines Tages.

*** 

## NEUES ALBUM HERBST 2015 - UND CROWDFUNDING IM KLEINEREN KREIS
Wir werden im April beginnen unser neues Album aufzunehmen. ### Wir suchen dafür wie beim letzten Mal liebe Menschen, die uns unterstützen. Dabei werden wir diesmal auf ein offizielles Crowdfunding verzichten - und stattdessen auf diesem Wege sowie auf Facebook, Youtube etc. diverse Pakete anbieten, die ihr vorab käuflich erwerben könnt. Ihr bekommt dafür dann das neue Album und allerlei andere Goodies - und helft uns so vorab, das Album zu produzieren und herzustellen.
Wer gern dabei sein möchte, kann sich gern jetzt schon bei uns melden. bitte eine mail an: boettcher@boettchercom.de. Wir freuen uns über absolut jeden der mitmacht!. Vielen Dank!!!!... 

## TOUR IM HERBST
Wir werden mit dem neuen Album dann im Herbst in "kleiner Orchesterbesetzung" auf Tour gehen (= Henry, Karsten und ich). Wenn ihr uns für ein offizielles oder ein Hauskonzert engagieren möchtet oder jemanden wisst, der dazu Lust hat, meldet euch ebenfalls gern. Preise, technische Details etc. erfahrt ihr direkt bei uns.

Das waren mal eben die frischen Updates... wir freuen uns sehr darauf, von euch zu hören - und euch bald unterwegs zu begegnen.

pax
jens

Freitag, 13. Februar 2015

VON VOLLIDIOTENBANDEN, DER ANGST, DER LIEBE UND DEM TIEFSEHTAUCHEN


VON VOLLIDIOTENBANDEN, DER ANGST, DER LIEBE UND DEM TIEFSEHTAUCHEN

BÖTTCHER-Newsletter 3/2015




Liebe Freunde,

als Prolog eine kurze Apologie: nun habe ich ja schon einige Male Besserung gelobt, was das regelmäßige Schreiben meiner Blogs und Newsletter angeht – ich mach das jetzt hier mal lieber nicht nochmal, sondern gebe stattdessen mit verbliebener Restlässigkeit zu Protokoll, dass mein Leben im vergangenen Jahr nochmal eine Spur voller geworden ist, als es ohnehin schon war. Deshalb, nebenbei, ganz formlos, aber mit Vehemenz: Schulligung, wenn es mittlerweile mal deutlich länger dauern kann mit dem Mailbeantworten und so. Ich freue mich aber weiterhin riesig über eure Zeilen, Briefe, Ermutigungen und Lebensgeschichten. Nur wächst mir mittlerweile der Berg zuweilen etwas über die Frisur. Trotzdem: Thx!! Eure Anteilnahme an meinen und unseren Werken und Worten ist sowohl für mich als auch für uns als Band sehr erbaulich. Es fühlt sich wirklich schön an, zu wissen, dass mit vielen von euch eine echte Herzensverbindung besteht. :-) Und all eure guten und lieben Worte ermutigen uns wirklich sehr, diesen oft doch recht steinigen Weg als „Künstler zwischen den Stühlen“ weiterzugehen.

Bevor ich gleich zu den wichtigen News aus meinem Arbeitsstübchen hier in Himmelherzhausen komme, noch eben – und zwar dem eigenen inneren Widerstand zum Trotze, dass ich mich damit in die Schlange derer einreihe, die sich ungefragt zu Themen äußern, die längst unter Worten, Thesen und Theorien begraben scheinen - ein kurzes Statement zur Lage der Nationen, Herzen, Seelen – das dem überall publizierten vielleicht, hoffentlich, eine ungewohnte Zutat beimischen kann.

Es geschieht so vieles da draußen, was mit „beängstigend“ eigentlich noch sehr mild umschrieben ist. Die Welt scheint mehr und mehr durchzudrehen. Überall wachsen Misstrauen und Ängste, gedeihen Ohnmacht und Orientierungslosigkeit auf dem Nährboden von Kriegen, Terror, Währungskrisen und sonstiger finanzieller und seelischer Unsicherheit. Aber damit lange nicht genug: Das alles schafft ein (wenn auch langsam und irgendwie diffus-wachsendes) Bewusstsein dafür, dass wir längst alle nicht mehr nicht-nur-nicht-mehr-verstehen-können, was um uns herum eigentlich passiert und wer-eigentlich-welches-Geschick-welcher-Individuen-oder-gar-Nationen-wohin-lenkt, sondern dass die meisten von uns einfach das Gefühl nicht mehr loswerden, es würde System (sic) hinter all dem florierenden Gehetze (sic) stecken. Mittlerweile kommen ja nicht mal mehr überzeugte Verschwörungstheorie-Allergiker gegen das Unwohlsein an, das allein durch die Tatsache entsteht, dass es die alten Bilder von „gut“ und „böse“ nun definitiv nicht mehr gibt. In meinem Herzen jedenfalls bewegt sich was.

Der kürzlich veröffentlichte Bericht über die von der US-Regierung initiierte oder wenigstens abgenickte Folter in Guantanamo ist ja nicht nur ekelerregend, unfassbar und jenseits aller Vorstellungen erschreckend. Er sollte nun auch den letzten wohlmeinenden und sich nach klaren Weltordnungen sehnenden Gut- und Schwarzweiß- und Musikantenstadl- und Evangelikal-Christenmenschen in unserem kuscheligen „Abendland“ zu der Erkenntnis aufwachen lassen, dass die ehemals vermeintlich guten Weltenretter längst die Seite gewechselt haben (sofern sie überhaupt je auf der „anderen“ waren) und das ganze Gefasel von „Moral“ und der „Wahrung der christlichen Werte“ schon lange nichts weiter ist, als zynischer Hohn. Oder auch Realität. Leider ist diese Art von Seelendunkel ja durchaus ansteckend - siehe die Ansammlungen von eskalierender Dummheit - wie etwa diese haarsträubende und an Fremdschämpotential (und das trotz Dschungelcamp!) nicht zu überbietende Pegida. Es scheint ein Punkt erreicht, an dem „Recht haben“ wohl definitiv nicht mehr reicht. Zumal es darum ja auch gar nicht geht. Weil natürlich sowieso keiner Recht hat. Die Menschen haben nicht recht, sondern Angst. Und wenn Menschen Angst haben, machen sie die allerdämlichsten Sachen.

Mir kommt es längst vor, als würde man auf einem albtraumhaften Schulhof die Kämpfe verschiedener konkurrierender, gewalttätiger Vollidiotenbanden beobachten, die sich gegenseitig die Köpfe mit Steinen einwerfen. Links stehen die, die beim Feuern der Wurfgeschosse laut „Wachstum ist alternativlos! Ein Hoch auf die christlichen (?) Werte! Die Moral! Rache für unsere Toten“ rufen – rechts jene, die mit „Terror! Euer Unglaube zerstört die Welt! Gebt uns außerdem endlich mal was von dem großen Kuchen ab! Und Wasser! Und, ach ja!, Rache für unsere Toten!“ zurückbrüllen.

Beide Seiten morden nun, vergewaltigen, brandschatzen, zerstören, bombardieren. Beide Seiten entwürdigen täglich das, was aus dem Menschsein womöglich längst hätte werden können oder sollen – die Fähigkeit, andere wirklich zu sehen, zu verstehen (auch Empathie genannt), daraus sich ergebend: die Fähigkeit zum Dialog und ein Blick dafür, dass so viele Bedürfnisse viel zu vieler Seelen auf dieser Welt ungestillt sind. Blöderweise ist das Egozentrik-Problem nun nicht exklusiv bei den immer-ach-so-bösen-Oberen, Tuscheltuschel-Illuminaten und Regierungsstrategen, sondern auch in den Herzen derer, die immer noch nichts besseres mit dem Überschuss ihres fleißig erarbeiteten Beamten- oder Managergehalts anzufangen wissen, als es zu Silvester einfach in fünf Meter Höhe über ihrem Doppelcarport zur Explosion zu bringen. Das Problem ist in unser aller Herzen (=verdammt nochmal) Wir sind die, die Menschen verhungern und verdursten lassen, wir sind die, denen immer noch lethargische Grausamkeiten wie „Tja, da kann man nix machen“ über die Lippen kommen. Aber die Zeit wird wohl kaum kommen, in der „es“ auf wundersame Weise für uns getan wird – dieses berühmte Umdenken hin zu einem Wandel des wirklich „menschlichen“. Na gut, bevor ich hier nun gedanklich völlig eskaliere, verweise ich lieber kurz auf mein jüngstes Buch „Interview mit dem Teufel.“ :-) (ohne finanzielles Interesse übrigens – ganz ehrlich, dafür sind meine Buchdeals einfach zu schlecht).

Nur dies noch: Nach der Zerstörung der World Trade Center in New York am 11/9/2001 (von wem auch immer!) gab es ein Statement vom Dalai Lama, das ich nie vergessen habe. Er sagte sinngemäß, dass die „christliche Welt“ eine einmalige Chance gehabt hätte, diesen Planeten auf den Weg zur Heilung zu bringen – unter Aufwendung dessen, was die „christlichen Werte“ nämlich wirklich ausmacht: Vergebung, Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Bereitschaft zu Teilen. Die Bergpredigt. Stattdessen - wissen wir ja alle - machte sich der damalige Präsident des wilden Westens auf und schickte Hunderttausende eigener „christlicher“ Soldaten zur Rettung des „Guten“ los, um den Tod von 3000 Amerikanern mit 500.000 Toten zu sühnen, die zufällig in jenen Ländern auf Heilung der Welt und ihrer Seele warteten, die seither als zur „Achse-des-Bösen“ zugehörig galten. Und bis heute, an jedem einzelnen Tag, wird irgendwo irgendein Familienvater, irgendein Baby, irgendeine arabische Mama von einer amerikanischen Drohne getötet. Oh Gott, nein, um Himmels Willen, das ist natürlich keine Rechtfertigung für diese Horden von komplett-irren Gehirn- und Seelentoten, die im „Namen Gottes“ (wie übrigens auch schon George W.Bush damals) ihren eigenen Wahnsinn über die Welt kommen lassen, wie eine in-allen-heiligen-Schriften-befürchtete Plage. Es zeigt nur, siehe oben, nd mehr will ich hier ja gar nicht sagen, dass es eben beides gewalttätige Vollidiotenbanden sind. Wo ist denn nun die Achse des Bösen, wenn nicht gespannt um die ganze Welt? Und mitten in diesem Ascheregen aus monumentaler Rechthaberei stehen wir und posten stolz „Je suis Charlie“. Und gehen gleich anschließend unsere Neuwagen wienern. Und feuern, falls es uns überhaupt interessiert, die „gute“ Seite an, welche auch immer es ist, auf jeden Fall jene, die unseren individuellen Bedürfnissen eine Stimme gibt – eben im Kampf GEGEN etwas, das uns ängstigt.

Aber wenn nun auch die Zeit nicht auf Engelsflügeln angesegelt kommt, in der sich das alles über Nacht zum Guten wendet – so ist doch wenigstens die Zeit gekommen, es anzuschauen, es wenigstens im stillen Abendgebet beim Namen zu nennen – und sich von den gewalttätigen, geifernden, spuckenden Vollidiotenbanden auf dem Schulhof innerlich abzuwenden. Für das eigene Herz zu wählen, nicht mehr Teil dieses Irrsinns sein zu wollen.

Wir haben bei uns in der Band vor einigen Jahren beschlossen, unsere Kraft nicht mehr „gegen“ Dinge zu investieren, sondern „für“ etwas. Für uns ist das ein guter Weg geworden. Klappt nicht immer, aber die Richtung kommt uns ziemlich vernünftig vor. Ich glaube sogar mittlerweile, dass es der einzige Weg ist, den wir alle derzeit mit Blick auf eigenen inneren Frieden gehen könn(t)en. Es läge kollektive Kraft darin, der verängstigten Schwachköpfigkeit zB Pegidiens damit zu begegnen, die Gründe der Angst in den Herzen zu erkennen, zu versuchen, den vielen Mitläufern diese Angst zu nehmen, indem man ihnen Würde zusagt und sie diese Würde sogar spüren lässt. Gleiches gilt für die sogenannten Islamisten (nicht jene, die bereits für IS kämpfen, aber jene, in denen gerade der Gedanke wächst, es eines nahen Tages zu tun). Und gleiches gilt ebenfalls für die Geschundenen, die Abgelehnten, die Entwürdigten in unseren (angeblichen) Sozial- oder auch Hartz-IV-Systemen, für die (vermeintlich oder tatsächlich) psychisch Kranken, für die Verlorenen, die Heimatlosen, die Armen, die Kranken, die Betrunkenen, die Wütenden, die Gescheiterten, die stets Abgelehnten. Natürlich klingt ein Satz wie der folgende, aus dem Kontext gelöst und vogelfrei zitiert, wie tief aus der übelsten Kitschkiste gegriffen, aber vielleicht ist es gerade drum so wichtig, den Mut aufzubringen, ihn auszusprechen: Es gibt nichts anderes, was diese Welt auf einen Weg der Heilung bringen würde, als das, was Jesus das „höchste Gebot“ genannt hat. Liebe. Nichts, was wirksamer wäre, als die Entdeckung der Liebe in unseren eigenen Herzen. Liebe als Konsequenz. Als bewusster Weg. Ich glaube ja fest daran, dass sie, die Einzige, der zu folgen wirklich lohnt, deutlich ansteckender ist, als die oben erwähnte Dunkelheit. Und dass sie, trotz ihrer vermeintlichen Stille, doch stets lauter sein wird, als jeder Raketeneinschlag. Ganz besonders in der Summe. Und wenn es auch derzeit unmöglich scheint, zB eine Partei zu wählen, die eine solche Entscheidung unterstützen würde oder gar im Programm hätte, so bleibt doch am Ende die Ausrede schal, „es“ wäre für uns alle persönlich unmöglich gewesen. Make. Love. Not. War.


***

Herzlichen Glückwunsch an alle, die sich durch diesen Gedankenerguss bis zu dieser Stelle vorgearbeitet haben. :-) Hier also endlich News und Updates zu meinem und unserem künstlerischen Schaffen.


TIEFSEHTAUCHEN

Für all von euch, die es bislang verpasst haben. Henry, Karsten und ich produzieren seit einem guten halben Jahr das TV-Format „Tiefsehtauchen“, bei dem ich die Ehre habe, einige wunderbare sinnsuchende Menschen zu ausgiebigem Anti-Oberflächlichkeits-Blah-Blah begrüßen zu dürfen. Ihr könnt das alles bei Bibel TV im Fernsehen anschauen (immer samstags 1830h und sonntags 2330h) oder auf unserem Tiefsehtauchen-Kanal bei YouTube. Die erste Staffel läuft gerade in Wiederholung. In der allerersten Folge stelle ich unsere bescheidene Kunst etwas vor, Gäste danach waren Johannes Falk, Dania König, Eugen Drewermann (2 Folgen) und Sarah Brendel.

Wenn ihr mögt, klickt mal hier:


Die zweite Staffel ist nun abgedreht und wird dieser Tage in unserem Schneideraum frisiert und aufgehübscht– Gäste der kommenden Episoden sind u.a. Laith Al-Deen, 2 Flügel, Peter Godzik, Eugen Drewermann (wir haben zwei weitere Folgen mit ihm produziert), Siegfried & Christer Tepper, Sven Böttcher und Jakob „Jay“ Friedrichs. Unterstützt wird „Tiefsehtauchen“ großartigerweise weiterhin von der Firma Hartmann Elektrotechnik aus Hamburg und ganz besonders durch deren Chef Willi Neumann und seine Familie, sowie von Bibel TV.

Und von euch! Wir sind dankbar für die vielen positiven Rückmeldungen! Und wir freuen uns sehr auf alles, was wir da noch produzieren und aushecken dürfen.

SENDESTART DER ZWEITEN STAFFEL IST SAMSTAG, 18.04.2015 AUF BIBEL TV UND IN DER YOUTUBE.


NEUES ALBUM

Ich habe schon eine ganze Reihe von neuen Songs für unseren Nachfolger von „IV:Revolution“ geschrieben und bin weiter fleißig dabei. Wenn alles nach Plan läuft, werden wir im Frühsommer mit den Aufnahmen beginnen und zur geplanten Tour im Herbst ein neues Album im Gepäck haben. Ich hoffe sehr, dass es klappt. Und es fühlt sich grad beim Schreiben so an, als gäbe es reichlich Gründe und Stoff, den „Revolution“-Gedanken auf vielen Ebenen weiterzuspinnen (siehe oben, siehe überall). Das Orchester des himmlischen Friedens wird natürlich wieder dabei sein, genau wie einige besondere Gäste. Mehr Details demnächst.


TOUR IM HERBST

Danke für eure vielen Nachfragen diesbezüglich! Wir werden im Herbst wieder in Deutschland, Schweiz und womöglich auch wieder in Österreich touren. Termine werden wir im Sommer bekanntgeben. Wer von euch gern ein Hauskonzert o.ä mit uns veranstalten möchte: Schreibt uns gern eine Mail an post@tiefsehtauchen.de


EXTRA 3

Henry, Karsten und ich schreiben, sprechen uns produzieren weiter wöchentlich unsere kleine Miniserie „Neulich im Bundestag“ beim TV-Satiremagazin Extra3. Schaut gern mal in der YouTube rein: https://www.youtube.com/watch?v=OEMLIPxHgTw

:-))

Und dann noch, wie üblich, meine Zitate des Tages, äh, Monats, äh...

We are buried beneath the weight of information, which is being confused with knowledge; quantity is being confused with abundance and wealth with happiness.
We are monkeys with money and guns.”
Tom Waits

Zum Glück haben die Sanitäter mir gleich eine Invasion gelegt.“
Fritz Walter – nicht der Weltmeister, der andere :-)

"Die Liebe allein versteht das Geheimnis, andere zu beschenken und dabei selbst reich zu werden".
Augustinus


Bis bald, vielen Dank für alles!

pax
j.


facebook/jensböttcher (künstlerseite)
facebook/pacodeluca (sekretariat)

Freitag, 26. September 2014

1-2-3-4... Sendestart für Tiefsehtauchen/Revolution-2014-Tourdaten/ … und ein paar unwesentliche Gedanken zum Wesentlichen


BÖTTCHER-NEWS 10/2014

1-2-3-4... Sendestart für Tiefsehtauchen/Revolution-2014-Tourdaten/
… und ein paar unwesentliche Gedanken zum Wesentlichen




Liebe Freunde,

während es sich der Herbst vor dem Fenster gefallen lässt, sein Erscheinen mit ersten sanft wehenden Blättern anzukündigen und der wundervoll-farbenfrohe Sonnenuntergang ihm dabei die Schau zu stehlen versucht, sitze ich hier in meiner schummrigen Schreibstube und freue mich, diese paar Zeilen voller Neuigkeiten an euch zu richten. Ich will ausnahmsweise vorab mal nicht allzuviele Worte machen, die nicht direkt zur Sache gehören. Nur diese hier: Vor einiger Zeit las ich mal wieder ein paar Kapitel von Friedrich Nietzsche. An einer Stelle schrieb er sinngemäß davon, dass die/wir Menschen uns bloß deshalb so vehement auf vermeintliche Erfüllung in Arbeit und Freizeitbeschäftigungen stürzen, um uns selbst permanent vom Wesentlichen abzulenken – nämlich den essentiellen Fragen um uns herum, in und über uns selbst.

Wie viele von uns ja längst wissen, ist Nietzsche als geistig Umnachteter gestorben. Ob es wirklich kausal damit zu tun hat, dass er es mit der Suche nach dem Sinn in sich selbst zu weit getrieben hat, ist natürlich ungewiss. Vorstellen kann man sich's als Sensibler aber durchaus. Für mich noch lange kein Grund, dem Godfather-of-bitterer-Vergrätzung nicht mit wehenden Fahren in wenigstens diesem einen Punkt zuzustimmen und ihm überdies meinen allergrößten Respekt für den noblen Versuch zu zollen. Was tun wir nicht alles, um im Außen Sinn zu finden? Wieviele Kuchen- und Eisbein-mit-Sauerkraut-Bilder oder Kalendersprüche oder Bibelverse wollen wir im Zuge all dessen noch bei Facebook posten? Wieviele Verhungernde und emotional Darbende im In- und Aus- und Niemandsland lassen wir noch am Straßenrand sitzen und erklären uns selbst, sie hätten mit uns ja nichts zu tun? Was stellen wir nicht noch alles an, bewegen wir, kaufen und verkaufen, taxieren, studieren, trainieren, ver- und beurteilen wir, nur um am Ende des Tages kein bisschen schlauer oder näher an uns selbst zu sein, als zu seinem Beginn? Wie lange schreien wir noch auf den Marktplätzen nach einer besseren Welt, die ja gar nicht besser werden kann, solange wir selbst nicht feinfühliger und mutiger geworden sind, was unsere eigene Dunkelheit und wie-auch-immer-religiöse Rechthaberei betrifft? Wie lange wollen wir noch glauben, dass wir längst die „Guten“ sind?

Manchmal in den letzten Jahren kam es mir geradezu bizarr vor, was für eine ungeheure Sogkraft die eigenen Aktivitäten und Gedanken und Sorgen entwickeln können. Irgendwas ist ja immer. Und irgendwas ist immer Placebo. Und irgendwas ist immer Ego. Aber was ist dann das Eigentliche, das Wesentliche? Kann man das irgendwie auf den Punkt bringen? Und falls jein, warum – warum nicht? Und kann man sich davon denn dann am Ende was kaufen? Eben nicht. No Way José. Das Wesentliche kann man tatsächlich nicht kaufen und nicht verkaufen. Man kann es nicht stehlen und nicht leihen und nicht festhalten. Man kann es nicht suchen und nicht finden. Und man kann es nennen wie man will, aber es bleibt dennoch auf immer und ewig wortlos und sprachlos-machend unverändert: Leben. Gott. Himmel. Liebe. Gnade. Freiheit. Worte. Auf dem Weg.
Die Wahrheit ist ein großes Zimmer ohne Wände.

In diesem Zimmer ist alles Geschenk. Es ist einfach da. Es ist in uns, um uns, über uns, unter uns. Es ist der Baum im Wald des Betrachters, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, obwohl er nur auf den Baum schauen müsste, der er selbst ist. Es ist die Erkenntnis der Angstfreiheit, der bedingungslosen Geborgenheit und Vergebung, die derjenige nicht mehr braucht, dem sie zuteil wurde, und die derjenige nicht besitzt, der sie wie getrieben als persönliches Eigentum verkündet. Es ist im Dialog zwischen einem religiösen Moralisten und einem Weisen, der ihn fragt, ob er daran glaubt, dass all jene, die nicht genau das glauben, was er für die Wahrheit hält, dereinst in der Hölle schmoren werden. Der religiöse Moralist, der entgegnet: „Ja, gewiss, gewiss, das glaube ich!“ - und der Weise, der ihm unter Tränen des Mitgefühls sagt, dass jeder, der im Schatten eines solch verdammenden Urteils leben muss, ja längst selbst im Feuer dieser Hölle wohnt.

Es ist die Freiheit, sich zu erlauben, das blanke Sein zu spüren, jenseits von Rechtsspruch, Urteil, Interpretation und Mutmaßung. Es ist die Freiheit, loszulassen, mutig auf den Funken des Lebens zu springen, auf ihm zu reiten, selbst dieser Funke zu sein (der dann vielleicht gar überspringen mag), beschenkt zu sein, ohne wissen zu müssen, was es bedeutet, stattdessen Bedeutung darin zu finden, es einfach nur zu spüren, ohne es länger erklären zu können oder zu wollen. Es ist in der Resignation, die keine Niederlage ist.
Und am Ende bündelt sich alles was man zu sagen versucht in Liebe.
Mehr wird da auch nach weiteren Jahrtausenden der Suche nicht sein.
Ein einzelner Baum.
Mein Baum, dein Baum.
Äste, die sich berühren.
Liebe.
Mehr nicht. 
Vor allem aber:
Weniger nicht.

***



TV-Premiere: Tiefsehtauchen mit Jens Böttcher

Tata #1. Unser eigenes, mit sehr viel Herzblut gefülltes TV-Format startet am 04.10 um 1830h bzw. 05.10 um 2330h bei Bibel TV und zeitgleich im Tiefsehtauchen-Kanal bei YouTube. Wir würden uns riesig freuen, wenn ihr Lust habt, euch die sechs Folgen der ersten Staffel im Fernsehen oder in der Tube anzuschauen und uns zu schreiben, ob und wie es euch gefällt. Einen Trailer könnt ihr hier schon mal sehen:


Ebenso den wundervollen Song „Der alte Mann und das Meer“ von Johannes Falk (der in der zweiten Tiefsehtauchen-Folge zu Gast ist). Nämlich hier:


Auch die Tiefsehtauchen-Homepage wird ab Anfang Oktober im Netz zu finden sein, nämlich hier:


Gäste der ersten Staffel sind die Musiker Johannes Falk, Sarah Brendel und Dania König sowie der „meistgelesene Theologe Deutschlands“ Eugen Drewermann. Es war übrigens eine besondere Ehre für uns ein ausführliches Gespräch mit Herrn Drewermann bei ihm zuhause in Paderborn aufzeichnen zu dürfen - das wir in insgesamt vier Folgen (jeweils zwei in Staffel 1 und Staffel 2) ungekürzt zeigen werden. Auch für die zweite Staffel (ab Ende März/April 2015) sind einige Episoden bereits abgedreht: mit Peter Godzik (Autor von u.a.„Trauernden nahe sein“) und meinem wunderbaren großen Bruder Sven Böttcher (Autor von u.a. „Quintessenzen“). Die nächsten Drehtage mit Jakob Friedrichs (superzwei), 2 Flügel, Chris Lass, Siegfried & Christer Tepper stehen demnächst an. Da kommt also noch reichlich was nach. :-) Das wirklich großartige ist dabei bisher, dass alle Tiefsehtauchen-Gäste so viel wesentliches zum Wesentlichen (siehe oben) zu sagen haben. Jeder Drehtag bisher war für mich persönlich eine große Freude und Bereicherung. Danke nochmal an alle, die Tiefsehtauchen möglich machen und unterstützen. Henry, Karsten und ich hoffen sehr, dass die Sendung eure Herzen wie euren Verstand berühren und den Geist der Freundschaft und Liebe transportieren kann, den die beteiligten Protagonisten und Gäste mit beeindruckender Offenheit und Herzenswärme in die Gespräche mitgebracht haben.
***




Tata #2. Und hier sind nun endlich auch die lange versprochenen Tourtermine für den November/Dezember. Wir werden zu dritt in der kleineren Orchester-Besetzung unterwegs sein: Henry spielt Schuhkartons, Schlagwerk, Glockenspiel und Gitarre, Karsten Bratsche, Bass, Akkordeon, Gitarre – und ich spiele wie immer mich selbst (sic).

JENS BÖTTCHER & DAS ORCHESTER DES HIMMLISCHEN FRIEDENS
REVOLUTION-TOUR 2014

31.10. Freudenstadt Villa Sonnenschein
01.11. Hilzingen Evangelische Kirche
02.11. Winterthur Bistro Riläx (CH)
03.11. Konstanz (Hauskonzert)
04.11. Langenthal (Hauskonzert)(CH)
05.11. Huttwil (Hauskonzert) (CH)
6.11. Luzern (CH)
8.11. Linz (Österreich) (Gemeinde Corner Stone)
20.11. Geilenkirchen (Jugendzentrum Zille)
21.11. Engelskirchen (Evangelische Kirche)
22.11. Dremmen (Café Curioso)
23.11. Treis-Karden (Hauskonzert)
6.12. Hamburg (Hochzeitsfeier)

Wenn ihr Interesse habt, zu den Hauskonzerten zu kommen, schickt mir gern eine Mail an boettcher@boettchercom.de.

Habt wie immer vielen Dank für eure Aufmerksamkeit, eure Mails oder Briefe und besonders eure Liebe (wen auch immer sie heute trifft!). ;) Und hier zum Schluss wie immer noch mein Zitat des Monats.

Musicians should not play music. Music should play musicians.
Henry Rollins

Wir sehen uns unterwegs...
pax
j.

facebook: jens böttcher (künstlerseite) oder paco de luca (imaginäres Sekretariat)




Freitag, 25. Juli 2014

DIE RÜCKKEHR DES MANNES IM SPIEGEL. … plus Tourdaten, „Tiefsehtauchen“ auf dem Weg, dazu vielleicht ein neues Buch (vielleicht auch nicht).


BÖTTCHER-NEWSLETTER 07/2014
DIE RÜCKKEHR DES MANNES IM SPIEGEL.
plus Tourdaten, „Tiefsehtauchen“ auf dem Weg, dazu vielleicht ein neues Buch (vielleicht auch nicht).



Hallo liebe Freunde,
hier kommen die allerherzlichsten Grüße von mir zu euch - willkommen in meinem kleinen Mid-Sommer-Newsletter. Und frei nach dem Motto „warum-nicht-einfach-mal-was-anders-machen?“ mach ich's heute einfach mal anders. Also erst die schnöden Updates, dann ein surrealer Erlebnisbericht aus gegebenem Anlass. :-)

1.JENS BÖTTCHER & DAS ORCHESTER DES HIMMLISCHEN FRIEDENS AUF TOUR MIT DEM AKTUELLEN ALBUM „IV:REVOLUTION“

August
03.08. Hauskonzert Buchholz i.d. Nordheide
08.08. Hauskonzert Neu-Wulmstorf
16.08. Prinzenbar, Hamburg!! Als Special Guest von Jann Klose. Unser einziges Hamburg-Konzert in diesem Jahr - in einem der schönsten Clubs der Stadt. Das Orchester des himmlischen Friedens zu diesem speziellen Anlass (bei dem wir auch eine ungewöhnliche Setlist spielen werden): Anne Maren Falk (Cello, Percussion), Sven Urbatzka (Klavier, Akkordeon, Gitarre, Gesang), Karsten Deutschmann (Bass, Bratsche, Beatz, Gitarre, Akkordeon, Percussion). Henry vertritt derweil unsere Fahne bei einer Segelregatta. ;)
Wir würden uns ganz riesig freuen, euch zu sehen!

November
Revolution 2014-Tour mit Konzerten in u.a. Engelskirchen, Geilenkirchen, Cochem, Freudenstadt, Hilzingen, Winterthur (Schweiz), Luzern (Schweiz), Linz (Österreich).
Mehr Details demnächst.

2. TIEFSEHTAUCHEN MIT JENS BÖTTCHER
Dank der wunderbaren Unterstützung und Sponsoring-Hilfe der Firma Hartmann Elektrotechnik, Hamburg, und ganz besonders dem dortigen Chef, unserem lieben Freund Willi Neumann, sowie der freundlichen Kooperation mit Bibel TV, ist es uns nun möglich geworden, unser eigenes kleines TV-Format „Tiefsehtauchen“ zu produzieren und noch in diesem Jahr on Air zu bringen. Sendestart für die erste opulente Staffel ist im Oktober – mit wunderbaren Talkgästen wie Eugen Drewermann, Johannes Falk, Dania König, Sarah Brendel u.a. Mehr Details zu „Tiefsehtauchen“, Trailer etc. demnächst hier, in der U-Tube (der Tiefsehtauchen-Kanal geht dort ebenfalls im Oktober an den Start) und auf Bibel TV. Sendetermine: Ab Oktober dann immer Samstags um 18.30h und Sonntags um 23.30h.

3. NEUES BUCH – VERÖFFENTLICHUNGSDATUM NOCH UNKLAR.
Einige von euch haben nachgefragt: Ja, ich schreibe weiter an einem neuen Buch. Es ist eine Text- und Gedankensammlung im Stile der „Anklagend Schweigend Rosenrot“-CD. Ob es noch in diesem Jahr erscheinen wird/kann, ist allerdings noch etwas unklar. Grund: Die Tage haben skandalöserweise weiterhin allesamt nur 24 Stunden. Verschiedene Petitionen, die ich im Laufe der vergangenen Monate auf den Weg und ins Netz gebracht habe, um diesen eigentlich unzumutbaren Zustand mit gleichgesinnten Beschwerdeführern zu beklagen, sind fruchtlos verhallt – was vor allem daran liegt, dass es offenbar gar keine gleichgesinnten Beschwerdeführer gibt. Habe mir notiert, das Problem bei Gelegenheit mit meinem Therapeuten zu erörtern (sobald dieser von seiner Marmorkuchen-Entzugs-Reha zurück ist). Kurzum: Ich hoffe, es klappt mit dem Buch zur Novembertour, aber ich weiß es nicht.

Irgendwie halbwegs passend: Aus gegebenem Anlass ein vielleicht wichtiger Text. Wenn ihr lesen mögt... und eine Tasse Kaffee/Tee, etwas Zeit/Muße zur Hand habt. Bon Voyage.

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3. Die Welt, wie sie der Mann in meinem Spiegel sah, nachdem er sich überraschenderweise länger als eine Woche nicht hatte blicken lassen.

Ich hatte eine Weile gebraucht, um mich daran zu gewöhnen, dass der Mann in meinem Spiegel fehlte. Tatsächlich war er jetzt schon länger als eine Woche fort gewesen, was übrigens nicht nur das Rasieren erschwerte, sondern sich auf merkwürdige und gar nicht so oberflächliche Weise anfühlte, als würde ein Teil meines Selbst fehlen. Ganz sicher wurde dieses Gefühl auch verstärkt durch die paar Zeilen, die er zum Anlass seiner kleinen Auszeit auf einen kleinen Zettel geschrieben und auf dem Rand meines Waschbeckens hinterlegt hatte: Niemand ist je einsamer, als jener, der den dialog- und wandlungsbereiten Teil von sich selbst verliert.
Es war sonderbar ohne ihn. Nun war er wieder da. Ich war froh und hob meine Hand zum Gruß. Mein Spiegelbild machte nicht mit. „Um eben dieses Thema geht es, ums Selbst“, hob er an, als hätte er die Gedanken gelesen, die ich mir soeben versehentlich gemacht hatte:
Was ich dir jetzt sage, ist zwar womöglich nur der Versuch einer Bestimmung dieses Selbst im Lichte des Bewusstseins der Unmöglichkeit desselben, schon aufgrund der permanent verschobenen Perspektive des automatisch der hochnäsigen Eitelkeit verdächtigen Beobachters, also mir oder dir – dennoch möchte ich diese Gedanken dringend mit dir teilen, damit du sie dann, sofern dir irgendwie danach sein sollte, in die Welt hinausposaunen kannst“.
Während mein mir normalerweise unabkömmliches und identisches Gegenüber mich so direkt ansprach, änderte es dabei überraschend gleich mehrfach die Pose - womöglich um mir zu beweisen, dass es nicht wirklich gezwungen war, mich permanent nachzuahmen.
Dann fuhr er fort, der Mann in meinem Spiegel, der mir ganz und gar nicht unähnlich sah. Ich blieb derweil für Minuten stumm und schaute ihn einfach nur verblüfft und staunend an. Jedenfalls nehme ich das an – ich konnte mich dabei ja nicht sehen.
Ich glaube, viele Menschen, die in unserem Teil der schönen und zivilisierten westlichen Welt leben“, macht er weiter, „haben eine Menge guter Gründe, traurig zu sein oder unter sogenannten depressiven Verstimmungen zu leiden - so nannte es ja ein Psychotherapeut vor Jahren ja mal in deinem und meinem Fall. Er wollte damit wohl sagen, dass unser Zustand medizinisch nicht weiter bedenkenswert sei, bzw. durchaus berechtigter Anlass zur Hoffnung bestünde, dass es mit uns irgendwann auch wieder mal bergauf gehen könnte. Depressive Verstimmungen dürften nun aber ja recht verbreitet sein. Jedenfalls bei den Sensiblen unter uns, jenen, die, im Gewitter geschlüpften Küken gleich, versuchen, die Augen für etwas zu öffnen, das in Ermangelung der ewigen Wahrheit doch zumindest temporäre Wahrheit wäre.“ Ich war fassungslos. Mein Spiegelbild sprach tatsächlich mit mir. Und hörte nicht auf.
Die Welt ist offenkundig nicht nur ein wunderschöner, sondern auch ein verdammt anstrengender Ort, im Grunde ist dabei ganz egal wer man ist, egal wo man sich aufhält. Auf der wundergetränkten Habenseite ist der Zauber der Natur, sogar im Gewitter!, das Wunder des Lebens an sich, hin und wieder ja sogar in der Bestie Mensch sichtbar, in allem die erschütternde Perfektion des ganzen Universums! – all das ist, im Lichte des - frei nach Exupèry - mit dem Herzen sehenden Auges, ja wirklich ganz unbeschreiblich und zauberhaft. Die Schönheit unserer akuten oder wenigstens temporären Liebesgeschichten untereinander dabei gar so atemberaubend, dass wohl kein noch so begabter Poet dafür jemals die richtigen Worte finden könnte. Ein Wunder jagt hier das Nächste, ein Blatt fällt, ein Neues wächst, ein Mensch liebt, ein anderer wird durch dieses innere Wehen sogleich von Engelshand berührt, vom Wind des Himmels geküsst. Doch ebenso wie die Schönheit, sind auch die Katastrophen, Probleme und Herausforderungen überall speziell. Millionen von bedauernswerten Menschen weltweit haben kein Dach über dem Kopf, leiden an Hunger und Durst, an schlechter medizinischer Versorgung. Und wenn man auch nur fünf Minuten am Tag damit zubringt, den Weltspiegel der Tageszeitungen durchzublättern, stellt man fest, dass wir das hundsgemeine Mittelalter noch längst nicht hinter uns gelassen haben. Es gibt furchterregend viele Länder, in denen die Menschen von seelen- und gehirnamputierten, gewalttätigen Diktatoren unterjocht werden, Länder, in denen es nicht wie bei uns möglich ist, zu sagen, was man denkt, zu glauben, was man glaubt, zu lieben, wen man liebt. Natürlich ist es mit Blick darauf durchaus legitim zu konstatieren, dass es uns europäischen, amerikanischen und asiatischen Zentralgroßstädtern im Vergleich auf beinahe skandalöse Weise gut geht - sofern man eben materielle Güter wie Essen, Trinken und die Dächer über unseren Köpfen als Maßstab nimmt. Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Wer hat sich das eigentlich ausgedacht? Dieses: Es gibt doch keinen Grund zu klagen, du Hobbit, dir geht es wohl zu gut!? Wer immer der Urheber dieser infamen Lüge ist, wir sollten aufhören, ihn in unseren Herzen zu Wort kommen zu lassen. Die so genannten depressiven Verstimmungen der Vielen sind eine Warnung, wir sollten sie nicht länger übersehen. Mahnen sie uns nicht, dass es Zeit für uns geworden ist, zu verstehen, dass alles miteinander verbunden ist, wir alle zusammenhängen, in dem berühmten selben Boot sitzen? Es ist das Boot, in dem afrikanische Flüchtlinge auf dem Mittelmeer verenden, in dem gescheiterte westliche Industrielle sich ebenso wie ruinierte Baumwollfarmer in Indien selbst erschießen, das gleiche, in dem imperialistische Konzerne Freihandelsabkommen und Wasserrechte unter sich ausmachen und eine Diktatur des Marktes errichten, unter der wir alle uns mittelfristig zu beugen haben werden. Ist es nicht Zeit zu verstehen, dass der einst so gefeierte und von allen akzeptierte sogenannte freie Markt, der Neo-Kapitalismus, tatsächlich auch eine Form des Kannibalismus ist? - ein mörderisches, gieriges, zerstörerisches und selbstverzehrendes System, das ganz offensichtlich direkte Verantwortung dafür trägt, dass es die immer weiter und dramatischer auseinanderdriftende Kluft zwischen Hungernden und materiell-Sorglosen auf der Welt überhaupt gibt? Eines, das sich mittlerweile sogar traut, direkt vor unseren Augen, sogar in unserem vermeintlichen Wohlfühl- und Wohlergehensland „gescheiterte“ (also nicht genug „leistende“) Menschen wie Müll zu behandeln, auszugrenzen, zu entwürdigen? Die folgende Frage mag naiv klingen, aber ich stelle sie dir trotzdem mal: Kann es wirklich sein, dass irgendjemand von uns noch ernsthaft glaubt, seine eigene Seele könne auf Dauer unbeschadet bleiben, wenn er täglich ein in sich korruptes System mitträgt oder gar befeuert, das Menschen in seinem eigenen und anderen Ländern auf derart schamlose Weise ausbeutet und ausgrenzt, dass sie hungern oder dürsten müssen, dass sie und ihre Kinder des Nachts im Winter erfrieren oder dass in ihm die sogenannten Gescheiterten sich eben vom Hochhausdach stürzen, weil sie zuvor aus dem Rahmen der gesellschaftlichen Leistungsrichtlinie herausgefallen sind. Leistung=Besitz=Glück? Ein System, in dem Menschen ihren eigenen Wert über finanziellen Erfolg gewinnen und sich eben dann reihenweise selbst töten oder in die Verzweiflung stürzen, wenn zuvor ihre Aktien abgestürzt oder ihre Firmen in den Bankrott gegangen sind? Wo andernorts, meist auf anderen Kontinenten, also weit genug entfernt, um es schnell wieder zu ignorieren, einheimische Familien zu verdursten drohen, weil die Mineralwasserhersteller, denen wir Europäer schick und reichlich Lobbygelder verdanken, ihnen zuvor das Trinkwasser abgegraben und hinterher für unerschwingliche Preise im Supermarkt in Plastikflaschen angeboten haben? Wo weiter zur Gewinnmaximierung Regenwälder abgeholzt und Tiere zu Forschungszwecken gequält und Menschen aller Rassen, sexueller Orientierungen, Farben und Formen diskriminiert, degradiert und bis aufs Mark entwürdigt werden? Wo stümperhaft gewartete, antiquierte Atomkraftwerke in die Luft fliegen und des weiteren von uns allen alles dafür getan wird, so zu tun, als wäre bloß eine kleine Tüte Reis umgefallen. Wo die Bilder der entwurzelten, verzweifelten, vor Völkermördern fliehenden Familien, der Mütter, der Kinder, schneller wieder aus den Nachrichten und unserem Bewusstsein verschwinden, als man einem Nackthund die Haare waschen kann? Ein System, in dem die Menschen dem Duft des Geldes und der Macht hinterherhecheln wie ein Hirsch der Kuh in der Brunft.
Sind wir wirklich so blind?“ ist wohl allerdings, trotz aller unterschwelligen und im Grunde rührseligen Suggestion, die völlig falsche Frage. Überhaupt ist jede Frage dieser Art falsch, wie auch immer exakt sie lautet, denn ja, wir sind ganz offensichtlich wirklich so blind. So stumpf. Oder vielleicht auch so ohnmächtig. Ich glaube, das trifft es doch viel besser. Zumal dieses System nicht im Außen aufhört, sondern unser Innerstes betrifft, denn es kommt ja nicht von ungefähr, sondern von eben da - aus unserem Inneren. Es kommt aus unserer Geschichte. Die scheint es sich gefallen zu lassen, uns alle auf einem Aussichtsturm zu versammeln, von dessen luftiger Höhe wir wie die bekifften Vollidioten ausrufen: Schau doch nur wie schön unser Reihenhaus ist, Annegret. Wir haben es auf den Kadavern von indischen und afrikanischen Kindern gebaut. Aber wir haben doch ein herrliches Leben, nicht wahr? Kannst du mir mal die Nestlé-Plastikwasserflasche rüberreichen bitte? Und wo sind denn die Kreuzfahrtickets, Mäuschen? Die Enkel in der Nervenheilanstalt besuchen können wir dann ja auch später noch.
Das Monster, das wir geschaffen haben, scheint dabei wirklich für viele unter uns Ohnmächtigen immer noch das kleinere Übel zu sein. Und vielleicht stimmt das sogar. Wenigstens gibt es hier bei uns im zivilisierten und industrialisierten Westen so ungefähr achtundvierzig Trilliarden Regulierungen, Gesetze, Belehrungen, die wenigsten den Hauch von Ethik und moralischem Miteinander implizieren oder begünstigen. Und ja, es stimmt ja alles weiterhin, es ist außerdem überaus korrekt: immerhin kommt man bei uns nicht ins Arbeitslager, wenn man dabei erwischt wurde, in den falschen Gottesdienst gegangen zu sein. Glückwunsch, wir haben es gut. Und ja, man hat die Freiheit, es zu etwas zu bringen, solange man klug und fleißig und adrett ist und dabei guttrainierte oder gepolsterte Ellenbogen hat (und dazu möglichst noch aus finanziell gutgestellten Kreisen stammt). Dieses Maß an Freiheit scheint uns also für den Moment zu reichen. Jeder kann es schaffen, wie wir es geschafft haben, nicht wahr, Annegret?
Wir sind wahrscheinlich wirklich wenigstens die glänzende Speerspitze der ohnmächtigen Idiotenversammlung. Aber da bleibt immer noch die Frage: verpflichtet uns nicht eben das geradezu, die Ohnmacht wenigstens langsam, schemenhaft, zu erkennen, sie zu entlarven, das eigene Reihenhausdach mit anderen Augen zu sehen und gleich nach der folgenden Seelenerschütterung einen ganz neuen Weg einzuschlagen, unser eigenes Herz wiederzuentdecken? Jesus, bitte leg uns Blinden die Hände mit dem Spucke-Lehm-Mix ein zweites Mal auf, damit wir wenigstens die Umrisse der anderen Seelen erkennen. Denn was ist mit den Gefühls-„Kosten“, den Schäden für jene Menschen, die entweder nicht mit dem Privileg der Geburt auf den richtigen Breitengraden oder mit zu großen Mengen schmerzhafter Sensibilität und geistiger Feinheit gesegnet sind, um darin oder am Rande dessen länger unbeschadet bestehen zu können? Was ist mit dem unausweichlichen Seelenschaden, den wir alle, die Individuen einer bis vor kurzem doch recht „gut“ funktionierenden demokratischen Gesellschaft, erleiden müssen, wenn wir das größere und essentielle Bild von regionaler und weltweiter Mitmenschlichkeit und Brüderlichkeit aus den Augen verlieren, beziehungsweise es nie dazu kommt, dass unser Sichtfeld diese naiv-scheinenden Inhalte überhaupt registriert? Man kann nicht umhin, entweder schlapp oder traurig festzustellen, dass wir alle eine Horde von Schläfern sind. Wir alle. Denn wenn der Wunsch es zu ändern, bereits akut wäre, dann würde es wohl geschehen. Wir fliegen ja auch zum Mond und errichten Luftbrücken und sind barmherzig genug, Milliarden von Euros und Dollars in Krisenregionen zu schicken, die von Naturgewalten heimgesucht werden. Wir können, wenn wir wollen, wir greifen ein, wenn wir sehen. In diesem Fall sehen wir nicht. Oder wir sehen nicht hin. Es scheint noch nicht so weit zu sein. Weder Mut noch Güte gibt es in Plastikflaschen. Womöglich wird man in 1000 Jahren auf diese Epoche der fortschreitenden Mammondiktatur zurückschauen und sie in einem Schulunterricht, der keine Noten mehr braucht, weil längst verstanden wurde, dass nicht leistungshervorpressende Angst vor Versagen, sondern Freude am Gelingen der Schlüssel zu friedvollem Miteinander ist, kopfschüttelnd betrachten als die Zeit der eskalierten Habgier, der hemmungslosen Egozentrik und der stumpfen, lethargischen Lieblosigkeit. Sollten wir nicht also wenigstens - auch wenn die neue Zeit noch nicht gekommen ist, zu verstehen, den Blick zu korrigieren - ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass sie kommen wird? Dass die später auf dieser wundervollen Welt lebenden Seelen fragen werden, warum wir vor unserer Ohnmacht kapituliert haben? Warum wir nicht still geworden sind, den Blick gesenkt haben, in uns gegangen sind, um dort eine liebevolle Mitmenschlichkeit zu finden, die das vielleicht alles hätte verhindern können?

Klingt es nicht verlockend? So verlockend wie vor zweitausend Jahren schon, als Jesus uns eben diese Botschaft hinterließ? Selig sind die Barmherzigen, die Traurigen, die Friedensstifter, jene, die ihre Feinde lieben. Warum tun wir es also alle nicht? Die Revoluzzer nicht, die vermeintlich und wirklich Gläubigen nicht, die Klugen nicht, die vor Missionseifer glühenden Religiösen nicht, die Guten nicht, die Sanften nicht?“

Der Mann im Spiegel schaute mich nach seinem atemlosen Wortschwall eindringlich an. Ich war etwas überrascht davon, dass er plötzlich eine Pause machte. Ich seufzte, teils weil ich mich schlicht überrumpelt fühlte, teils wegen der inhaltlichen Wucht und der nun im Raum stehenden Frage, die ich keineswegs beantworten konnte.

Ich sage es dir, falls es dich betrifft“, machte er glücklicherweise weiter, ohne eine Antwort von mir abzuwarten. „Es folgt nun nämlich ein wesentliches Ach, das sämtlichen selbsternannten Weltverbesserern unter uns sogleich alle erhobenen Zeigefinger brechen und alle Weisheitszähne ziehen sollte: Es gibt in all dem also dummerweise eine Hürde zu überwinden, die man weder mit Gewalt noch mit politischen Umstürzen bekämpfen oder bewirken kann, nichtmal mit der Wucht des aufrichtigen Wollens, nicht mal der größten Disziplin gegen sich selbst: Das sind die Seelen in unserem Spiegel. Das bist du. Das bin, genauer gesagt, ich. Das vermeintliche Selbst, das mit sich eins wäre. Das vielleicht-Ich, das wandelbare Ich, das Du-Ich, das stets und zutiefst Höchstindividuelle. Es scheint, selbst wenn wir wollen oder wollten: wir sind offensichtlich noch nicht soweit, wirklich zu können. Die Evolution der Seelen ist vielleicht in vollem Schwung, aber wenn das stimmt, dann ist der Kreis noch nicht geschlossen.“
Ich wusste absolut nicht, was ich sagen sollte und versuchte, meinen Blick abzuwenden und noch etwas mehr Orientierungslosigkeit vorzutäuschen.
Nein, schau mich gründlich an“, forderte mein Spiegelbild nun. „Was entdeckst du?“
Ich zögerte, da ich verstand, dass es nichts über unsere sorglose Rasur erfahren wollte.
Keine Ahnung. Ich sehe nur Überforderung“, sagte ich, „aber ich weiß gerade nicht, ob es meine oder deine ist.“
Der Mann im Spiegel nickte. „Ja, du siehst Überforderung, die Anstrengung, den schleichenden Kampf darum, die Unmöglichkeit, uns aus uns selbst überhaupt in ein schöneres, anders schauendes „neues“ Selbst wachsen zu lassen, das sich von dem Alten mit aufrichtiger Hingabe loszulösen vermag. Du siehst ein Selbst, das keine Weltenschelte verdient, das gar nicht wirklich auf der faulen Haut liegt, sondern sich wirklich verändern möchte, aber nicht schneller und besser kann. Das sich täglich an sich selbst grämt und reibt und in diesem Prozess Zweifel gebiert, die zuweilen so stark sind, dass es sogar fast unmöglich scheint, dieses unvollkommene Selbst für wirklich liebenswürdig zu halten. Du siehst Angst, die aus der Reflektion entsteht. Sobald sie zu tief geht, schreckst du zurück – und ich mit dir. Aber wenn du jetzt ganz genau hinsiehst, entdeckst du gleichzeitig ein Selbst, das sogar von gewisser - immer dann wenn es liebt, sogar von atemberaubender - Schönheit ist, ohne auch nur im Geringsten zu verstehen, woher diese denn eigentlich kommt; ein Selbst, das bereits durch so vieles gegangen ist, viele Schlachten geschlagen und viele Lieder gesungen hat. Es hat Zeile um Zeile geschrieben, stets im Bemühen innerlich weiterzukommen. Es hat Zärtlichkeiten und Dummheiten verteilt und eine Reihe von Triumphen und Niederlagen genossen oder erlitten, die mit dem leicht zu kritisierenden Außen ja nur peripher überhaupt zu tun haben. Dieses Selbst, das längst darüber hinweg ist, auf die „Anderen“ zu schimpfen, weil es versteht, dass es Selbst die Anderen ist, dass es wirklich im „gleichen Boot“ sitzt und es keinen Grund gibt, das länger zu leugnen. Hier im Spiegel ist dieses hoffende und darin langsam wieder einem Kind ähnlich werdende Selbst, das dennoch so oft vergeblich versucht, sich, das kleinere Selbst gleichzeitig im größeren Selbst von allem zu begreifen und daran schon allein wegen der Unmöglichkeit der Perspektive immer wieder scheitern muss. Dieses Selbst kann doch im Grunde nichts tun, als festzustellen, dass es selbst nichts weiter erlebt, als eine Freiheit zu ersehnen, die nach scheinbar Unmöglichem, nämlich nach ewiger Heimat und Geborgenheit duftet - für sich, vielleicht, in den besten Momenten, gar für alle. Für die Pleitemanager, die vom Hochhaus springen, ebenso wie für die armen, vergessenen Kinder, deren Bäuche seit Wochen, Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten nur mit heißer Luft gefüllt sind. Freiheit. Ja. Verdammt nochmal: Liebe. Ihr wird aus vermeintlich allerbesten, rationalen Gründen das Wachstum verwehrt. Sie aus Scham und Angst vor der Wucht unserer eigenen Traurigkeit zu trivialisieren, sie lächerlich zu machen – das ist das eigentliche Verbrechen, das schlimmste, das man sich überhaupt vorstellen kann.“
Ich nickte still. Mein Spiegelbild kam langsam zum Ende seiner Rede.
Liebe. So naiv es auch immer wieder klingen mag. Du musst dich um mich kümmern. Ich bitte dich darum. Du musst mich lieben, um dich und die Welt zu verändern. Wir Spiegelbilder sind diesbezüglich alle gleich. Wir alle suchen eine Liebe, die nichts für sich will. Eine, die einfach nur ist, die sprachlos existiert, unveränderbar und unerschütterlich ist, eine, die nicht mehr verdammt ist, zu suchen, weil sie alles in sich gefunden hat, was mit Worten, Gefühlen, Verstand oder Geist überhaupt zu fassen wäre. In ihr ist ein Selbst zu finden, das den Wahn verliert. Solange das aber unmöglich, die lange Suche nicht von Erfolg gekrönt ist, wird es ihm, dem losgelösten, eingebetteten Selbst und dem was auch du folgerichtig für „dich“ hältst, ebenso wie all den anderen lethargischen Schläfern, die ihr abgespaltenes ich für ihr ganzes „sich“ halten, unmöglich sein, etwas anderes zu tun, als durch den Modder zu schwimmen, der für uns Wohlhabende ja viel mehr ein Innerer ist, dabei zu keuchen, zu suchen, in all der gefühlten Sinnlosigkeit möglichst nicht in Schönheit, sondern sinnvoll zu vergehen. Aber in all dem - wer mag es leugnen, nicht trotz, sondern wegen der Ohnmacht, die uns lähmt: Es wird Zeit für dich zu glauben, Zeit zu gehen, wenn es nicht anders geht, dann eben im Stehenbleiben zu gehen. Zeit zu glauben, dass es etwas anderes gibt, als dein aufgeblasenes, stolzes, ängstliches „Ich“, dein großes religiöses, festgefahrenes, tradiertes „rechtgläubiges“ Ich, aus dem sich immer wieder das große, kollektive, weichgekochte, emotionslose, grausame „naja, es wird mit uns allen schon werden“ herausschält. Tatsächlich wird es nur werden, wenn du beginnst, der Ahnung zu trauen, das dein „Ich“ nicht im „Ich“ endet, dass es in ein „uns“ mündet, das den Himmel, die Tulpen, die Bunten und die Dunklen, die Traurigen und die Fröhlichen, die Verarmten und Bereicherten, die Bäume und die Blätter und die Vögel und die Füchse ebenso beinhaltet wie dich und mich. Und dann, nur dann, wenn es die Herzen ansteckt, wenn wir alle außerhalb eines schließlich reformierten, nicht mehr matten Ichs noch an etwas Höheres glauben, als unser Selbst, kann sich endlich in uns selbst etwas zum Positiven wandeln. Wir haben inzwischen nur uns, unsere individuelle Religion, unser Rechthaben, unser System, unsere Leistung, unsere Orientierungslosigkeit. Nie und nimmer wird das reichen. Wir brauchen mehr. Wir brauchen den Glauben an etwas, das uns Vertrauen in die Schönheit unseres Wesens gibt, etwas das mit dem Begriff „Gott“ nur sehr unzureichend beschrieben ist, weil der Begriff schon so oft von uns allen mißhandelt wurde. Wir brauchen etwas, das uns alle überzeugen würde. Die Spiegelbilder, zuallererst, brauchen eure Liebe, stärker, als sie je war, mächtiger als die immergrüne Diktatur der Selbstanklage und Lethargie und absurden, fanatischen Selbstgerechtigkeit.

Ich fühlte mich von dem Wortgewitter des Mannes im Spiegel jetzt geradezu überwältigt.
Wo und wie sollte ich beginnen?“ fragte ich, ernsthaft erschüttert.
Ich bat dich schon darum. Beginn bei mir“, sagte er und klang dabei für einen Moment beinahe flehend. „Versuch mich zu lieben und versuch etwas von mir in mir zu sehen, dass du vergessen hattest. Und dann glaub mit mir. Glaub mit mir, dass ich wertvoll bin, auch wenn du mich jetzt noch verachtest, weil du mich für eine Version von dir hältst, die nichts kennt als tiefe Angst.“

Ich schluckte. Und dann, ganz plötzlich, tat mein Spiegelbild so, als sei nichts geschehen und ahmte mich einfach wieder nur spröde-blöde nach, so wie es es schon immer getan hatte. Ich war irritiert und versuchte noch ein leises „Hallo?“, aber der Mann im Spiegel antwortete nicht mehr, sondern sagte bloß ebenfalls „Hallo“, völlig synchron und nun für mich völlig überraschend. Ich sah nur, wie sich seine Lippen bewegten, exakt wie meine, seine Stimme war nur noch in meinem Kopf. Er war wieder Teil von mir geworden, einem mir, einem Teil meines eingebildeten Selbst, das mir plötzlich auf ganz neue Weise unvollständig vorkam. „Liebe“ sagte ich leise und wandte mich vom Spiegel ab, „solange ich nichts von ihr verstehe, muss ich ihrem Duft weiter in Unbekannte folgen. Ich kann nichts versprechen. Aber ich will es riskieren. Ich vertraue darauf, dass mich dabei etwas tragen und halten wird, das keinen Namen hat. Etwas, das sich auch heute noch täglich aus den brennenden Büschen der Welt als „das ewig Seiende“ vorstellt.

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pax
j.

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