Freitag, 25. Juli 2014

DIE RÜCKKEHR DES MANNES IM SPIEGEL. … plus Tourdaten, „Tiefsehtauchen“ auf dem Weg, dazu vielleicht ein neues Buch (vielleicht auch nicht).


BÖTTCHER-NEWSLETTER 07/2014
DIE RÜCKKEHR DES MANNES IM SPIEGEL.
plus Tourdaten, „Tiefsehtauchen“ auf dem Weg, dazu vielleicht ein neues Buch (vielleicht auch nicht).



Hallo liebe Freunde,
hier kommen die allerherzlichsten Grüße von mir zu euch - willkommen in meinem kleinen Mid-Sommer-Newsletter. Und frei nach dem Motto „warum-nicht-einfach-mal-was-anders-machen?“ mach ich's heute einfach mal anders. Also erst die schnöden Updates, dann ein surrealer Erlebnisbericht aus gegebenem Anlass. :-)

1.JENS BÖTTCHER & DAS ORCHESTER DES HIMMLISCHEN FRIEDENS AUF TOUR MIT DEM AKTUELLEN ALBUM „IV:REVOLUTION“

August
03.08. Hauskonzert Buchholz i.d. Nordheide
08.08. Hauskonzert Neu-Wulmstorf
16.08. Prinzenbar, Hamburg!! Als Special Guest von Jann Klose. Unser einziges Hamburg-Konzert in diesem Jahr - in einem der schönsten Clubs der Stadt. Das Orchester des himmlischen Friedens zu diesem speziellen Anlass (bei dem wir auch eine ungewöhnliche Setlist spielen werden): Anne Maren Falk (Cello, Percussion), Sven Urbatzka (Klavier, Akkordeon, Gitarre, Gesang), Karsten Deutschmann (Bass, Bratsche, Beatz, Gitarre, Akkordeon, Percussion). Henry vertritt derweil unsere Fahne bei einer Segelregatta. ;)
Wir würden uns ganz riesig freuen, euch zu sehen!

November
Revolution 2014-Tour mit Konzerten in u.a. Engelskirchen, Geilenkirchen, Cochem, Freudenstadt, Hilzingen, Winterthur (Schweiz), Luzern (Schweiz), Linz (Österreich).
Mehr Details demnächst.

2. TIEFSEHTAUCHEN MIT JENS BÖTTCHER
Dank der wunderbaren Unterstützung und Sponsoring-Hilfe der Firma Hartmann Elektrotechnik, Hamburg, und ganz besonders dem dortigen Chef, unserem lieben Freund Willi Neumann, sowie der freundlichen Kooperation mit Bibel TV, ist es uns nun möglich geworden, unser eigenes kleines TV-Format „Tiefsehtauchen“ zu produzieren und noch in diesem Jahr on Air zu bringen. Sendestart für die erste opulente Staffel ist im Oktober – mit wunderbaren Talkgästen wie Eugen Drewermann, Johannes Falk, Dania König, Sarah Brendel u.a. Mehr Details zu „Tiefsehtauchen“, Trailer etc. demnächst hier, in der U-Tube (der Tiefsehtauchen-Kanal geht dort ebenfalls im Oktober an den Start) und auf Bibel TV. Sendetermine: Ab Oktober dann immer Samstags um 18.30h und Sonntags um 23.30h.

3. NEUES BUCH – VERÖFFENTLICHUNGSDATUM NOCH UNKLAR.
Einige von euch haben nachgefragt: Ja, ich schreibe weiter an einem neuen Buch. Es ist eine Text- und Gedankensammlung im Stile der „Anklagend Schweigend Rosenrot“-CD. Ob es noch in diesem Jahr erscheinen wird/kann, ist allerdings noch etwas unklar. Grund: Die Tage haben skandalöserweise weiterhin allesamt nur 24 Stunden. Verschiedene Petitionen, die ich im Laufe der vergangenen Monate auf den Weg und ins Netz gebracht habe, um diesen eigentlich unzumutbaren Zustand mit gleichgesinnten Beschwerdeführern zu beklagen, sind fruchtlos verhallt – was vor allem daran liegt, dass es offenbar gar keine gleichgesinnten Beschwerdeführer gibt. Habe mir notiert, das Problem bei Gelegenheit mit meinem Therapeuten zu erörtern (sobald dieser von seiner Marmorkuchen-Entzugs-Reha zurück ist). Kurzum: Ich hoffe, es klappt mit dem Buch zur Novembertour, aber ich weiß es nicht.

Irgendwie halbwegs passend: Aus gegebenem Anlass ein vielleicht wichtiger Text. Wenn ihr lesen mögt... und eine Tasse Kaffee/Tee, etwas Zeit/Muße zur Hand habt. Bon Voyage.

***

3. Die Welt, wie sie der Mann in meinem Spiegel sah, nachdem er sich überraschenderweise länger als eine Woche nicht hatte blicken lassen.

Ich hatte eine Weile gebraucht, um mich daran zu gewöhnen, dass der Mann in meinem Spiegel fehlte. Tatsächlich war er jetzt schon länger als eine Woche fort gewesen, was übrigens nicht nur das Rasieren erschwerte, sondern sich auf merkwürdige und gar nicht so oberflächliche Weise anfühlte, als würde ein Teil meines Selbst fehlen. Ganz sicher wurde dieses Gefühl auch verstärkt durch die paar Zeilen, die er zum Anlass seiner kleinen Auszeit auf einen kleinen Zettel geschrieben und auf dem Rand meines Waschbeckens hinterlegt hatte: Niemand ist je einsamer, als jener, der den dialog- und wandlungsbereiten Teil von sich selbst verliert.
Es war sonderbar ohne ihn. Nun war er wieder da. Ich war froh und hob meine Hand zum Gruß. Mein Spiegelbild machte nicht mit. „Um eben dieses Thema geht es, ums Selbst“, hob er an, als hätte er die Gedanken gelesen, die ich mir soeben versehentlich gemacht hatte:
Was ich dir jetzt sage, ist zwar womöglich nur der Versuch einer Bestimmung dieses Selbst im Lichte des Bewusstseins der Unmöglichkeit desselben, schon aufgrund der permanent verschobenen Perspektive des automatisch der hochnäsigen Eitelkeit verdächtigen Beobachters, also mir oder dir – dennoch möchte ich diese Gedanken dringend mit dir teilen, damit du sie dann, sofern dir irgendwie danach sein sollte, in die Welt hinausposaunen kannst“.
Während mein mir normalerweise unabkömmliches und identisches Gegenüber mich so direkt ansprach, änderte es dabei überraschend gleich mehrfach die Pose - womöglich um mir zu beweisen, dass es nicht wirklich gezwungen war, mich permanent nachzuahmen.
Dann fuhr er fort, der Mann in meinem Spiegel, der mir ganz und gar nicht unähnlich sah. Ich blieb derweil für Minuten stumm und schaute ihn einfach nur verblüfft und staunend an. Jedenfalls nehme ich das an – ich konnte mich dabei ja nicht sehen.
Ich glaube, viele Menschen, die in unserem Teil der schönen und zivilisierten westlichen Welt leben“, macht er weiter, „haben eine Menge guter Gründe, traurig zu sein oder unter sogenannten depressiven Verstimmungen zu leiden - so nannte es ja ein Psychotherapeut vor Jahren ja mal in deinem und meinem Fall. Er wollte damit wohl sagen, dass unser Zustand medizinisch nicht weiter bedenkenswert sei, bzw. durchaus berechtigter Anlass zur Hoffnung bestünde, dass es mit uns irgendwann auch wieder mal bergauf gehen könnte. Depressive Verstimmungen dürften nun aber ja recht verbreitet sein. Jedenfalls bei den Sensiblen unter uns, jenen, die, im Gewitter geschlüpften Küken gleich, versuchen, die Augen für etwas zu öffnen, das in Ermangelung der ewigen Wahrheit doch zumindest temporäre Wahrheit wäre.“ Ich war fassungslos. Mein Spiegelbild sprach tatsächlich mit mir. Und hörte nicht auf.
Die Welt ist offenkundig nicht nur ein wunderschöner, sondern auch ein verdammt anstrengender Ort, im Grunde ist dabei ganz egal wer man ist, egal wo man sich aufhält. Auf der wundergetränkten Habenseite ist der Zauber der Natur, sogar im Gewitter!, das Wunder des Lebens an sich, hin und wieder ja sogar in der Bestie Mensch sichtbar, in allem die erschütternde Perfektion des ganzen Universums! – all das ist, im Lichte des - frei nach Exupèry - mit dem Herzen sehenden Auges, ja wirklich ganz unbeschreiblich und zauberhaft. Die Schönheit unserer akuten oder wenigstens temporären Liebesgeschichten untereinander dabei gar so atemberaubend, dass wohl kein noch so begabter Poet dafür jemals die richtigen Worte finden könnte. Ein Wunder jagt hier das Nächste, ein Blatt fällt, ein Neues wächst, ein Mensch liebt, ein anderer wird durch dieses innere Wehen sogleich von Engelshand berührt, vom Wind des Himmels geküsst. Doch ebenso wie die Schönheit, sind auch die Katastrophen, Probleme und Herausforderungen überall speziell. Millionen von bedauernswerten Menschen weltweit haben kein Dach über dem Kopf, leiden an Hunger und Durst, an schlechter medizinischer Versorgung. Und wenn man auch nur fünf Minuten am Tag damit zubringt, den Weltspiegel der Tageszeitungen durchzublättern, stellt man fest, dass wir das hundsgemeine Mittelalter noch längst nicht hinter uns gelassen haben. Es gibt furchterregend viele Länder, in denen die Menschen von seelen- und gehirnamputierten, gewalttätigen Diktatoren unterjocht werden, Länder, in denen es nicht wie bei uns möglich ist, zu sagen, was man denkt, zu glauben, was man glaubt, zu lieben, wen man liebt. Natürlich ist es mit Blick darauf durchaus legitim zu konstatieren, dass es uns europäischen, amerikanischen und asiatischen Zentralgroßstädtern im Vergleich auf beinahe skandalöse Weise gut geht - sofern man eben materielle Güter wie Essen, Trinken und die Dächer über unseren Köpfen als Maßstab nimmt. Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Wer hat sich das eigentlich ausgedacht? Dieses: Es gibt doch keinen Grund zu klagen, du Hobbit, dir geht es wohl zu gut!? Wer immer der Urheber dieser infamen Lüge ist, wir sollten aufhören, ihn in unseren Herzen zu Wort kommen zu lassen. Die so genannten depressiven Verstimmungen der Vielen sind eine Warnung, wir sollten sie nicht länger übersehen. Mahnen sie uns nicht, dass es Zeit für uns geworden ist, zu verstehen, dass alles miteinander verbunden ist, wir alle zusammenhängen, in dem berühmten selben Boot sitzen? Es ist das Boot, in dem afrikanische Flüchtlinge auf dem Mittelmeer verenden, in dem gescheiterte westliche Industrielle sich ebenso wie ruinierte Baumwollfarmer in Indien selbst erschießen, das gleiche, in dem imperialistische Konzerne Freihandelsabkommen und Wasserrechte unter sich ausmachen und eine Diktatur des Marktes errichten, unter der wir alle uns mittelfristig zu beugen haben werden. Ist es nicht Zeit zu verstehen, dass der einst so gefeierte und von allen akzeptierte sogenannte freie Markt, der Neo-Kapitalismus, tatsächlich auch eine Form des Kannibalismus ist? - ein mörderisches, gieriges, zerstörerisches und selbstverzehrendes System, das ganz offensichtlich direkte Verantwortung dafür trägt, dass es die immer weiter und dramatischer auseinanderdriftende Kluft zwischen Hungernden und materiell-Sorglosen auf der Welt überhaupt gibt? Eines, das sich mittlerweile sogar traut, direkt vor unseren Augen, sogar in unserem vermeintlichen Wohlfühl- und Wohlergehensland „gescheiterte“ (also nicht genug „leistende“) Menschen wie Müll zu behandeln, auszugrenzen, zu entwürdigen? Die folgende Frage mag naiv klingen, aber ich stelle sie dir trotzdem mal: Kann es wirklich sein, dass irgendjemand von uns noch ernsthaft glaubt, seine eigene Seele könne auf Dauer unbeschadet bleiben, wenn er täglich ein in sich korruptes System mitträgt oder gar befeuert, das Menschen in seinem eigenen und anderen Ländern auf derart schamlose Weise ausbeutet und ausgrenzt, dass sie hungern oder dürsten müssen, dass sie und ihre Kinder des Nachts im Winter erfrieren oder dass in ihm die sogenannten Gescheiterten sich eben vom Hochhausdach stürzen, weil sie zuvor aus dem Rahmen der gesellschaftlichen Leistungsrichtlinie herausgefallen sind. Leistung=Besitz=Glück? Ein System, in dem Menschen ihren eigenen Wert über finanziellen Erfolg gewinnen und sich eben dann reihenweise selbst töten oder in die Verzweiflung stürzen, wenn zuvor ihre Aktien abgestürzt oder ihre Firmen in den Bankrott gegangen sind? Wo andernorts, meist auf anderen Kontinenten, also weit genug entfernt, um es schnell wieder zu ignorieren, einheimische Familien zu verdursten drohen, weil die Mineralwasserhersteller, denen wir Europäer schick und reichlich Lobbygelder verdanken, ihnen zuvor das Trinkwasser abgegraben und hinterher für unerschwingliche Preise im Supermarkt in Plastikflaschen angeboten haben? Wo weiter zur Gewinnmaximierung Regenwälder abgeholzt und Tiere zu Forschungszwecken gequält und Menschen aller Rassen, sexueller Orientierungen, Farben und Formen diskriminiert, degradiert und bis aufs Mark entwürdigt werden? Wo stümperhaft gewartete, antiquierte Atomkraftwerke in die Luft fliegen und des weiteren von uns allen alles dafür getan wird, so zu tun, als wäre bloß eine kleine Tüte Reis umgefallen. Wo die Bilder der entwurzelten, verzweifelten, vor Völkermördern fliehenden Familien, der Mütter, der Kinder, schneller wieder aus den Nachrichten und unserem Bewusstsein verschwinden, als man einem Nackthund die Haare waschen kann? Ein System, in dem die Menschen dem Duft des Geldes und der Macht hinterherhecheln wie ein Hirsch der Kuh in der Brunft.
Sind wir wirklich so blind?“ ist wohl allerdings, trotz aller unterschwelligen und im Grunde rührseligen Suggestion, die völlig falsche Frage. Überhaupt ist jede Frage dieser Art falsch, wie auch immer exakt sie lautet, denn ja, wir sind ganz offensichtlich wirklich so blind. So stumpf. Oder vielleicht auch so ohnmächtig. Ich glaube, das trifft es doch viel besser. Zumal dieses System nicht im Außen aufhört, sondern unser Innerstes betrifft, denn es kommt ja nicht von ungefähr, sondern von eben da - aus unserem Inneren. Es kommt aus unserer Geschichte. Die scheint es sich gefallen zu lassen, uns alle auf einem Aussichtsturm zu versammeln, von dessen luftiger Höhe wir wie die bekifften Vollidioten ausrufen: Schau doch nur wie schön unser Reihenhaus ist, Annegret. Wir haben es auf den Kadavern von indischen und afrikanischen Kindern gebaut. Aber wir haben doch ein herrliches Leben, nicht wahr? Kannst du mir mal die Nestlé-Plastikwasserflasche rüberreichen bitte? Und wo sind denn die Kreuzfahrtickets, Mäuschen? Die Enkel in der Nervenheilanstalt besuchen können wir dann ja auch später noch.
Das Monster, das wir geschaffen haben, scheint dabei wirklich für viele unter uns Ohnmächtigen immer noch das kleinere Übel zu sein. Und vielleicht stimmt das sogar. Wenigstens gibt es hier bei uns im zivilisierten und industrialisierten Westen so ungefähr achtundvierzig Trilliarden Regulierungen, Gesetze, Belehrungen, die wenigsten den Hauch von Ethik und moralischem Miteinander implizieren oder begünstigen. Und ja, es stimmt ja alles weiterhin, es ist außerdem überaus korrekt: immerhin kommt man bei uns nicht ins Arbeitslager, wenn man dabei erwischt wurde, in den falschen Gottesdienst gegangen zu sein. Glückwunsch, wir haben es gut. Und ja, man hat die Freiheit, es zu etwas zu bringen, solange man klug und fleißig und adrett ist und dabei guttrainierte oder gepolsterte Ellenbogen hat (und dazu möglichst noch aus finanziell gutgestellten Kreisen stammt). Dieses Maß an Freiheit scheint uns also für den Moment zu reichen. Jeder kann es schaffen, wie wir es geschafft haben, nicht wahr, Annegret?
Wir sind wahrscheinlich wirklich wenigstens die glänzende Speerspitze der ohnmächtigen Idiotenversammlung. Aber da bleibt immer noch die Frage: verpflichtet uns nicht eben das geradezu, die Ohnmacht wenigstens langsam, schemenhaft, zu erkennen, sie zu entlarven, das eigene Reihenhausdach mit anderen Augen zu sehen und gleich nach der folgenden Seelenerschütterung einen ganz neuen Weg einzuschlagen, unser eigenes Herz wiederzuentdecken? Jesus, bitte leg uns Blinden die Hände mit dem Spucke-Lehm-Mix ein zweites Mal auf, damit wir wenigstens die Umrisse der anderen Seelen erkennen. Denn was ist mit den Gefühls-„Kosten“, den Schäden für jene Menschen, die entweder nicht mit dem Privileg der Geburt auf den richtigen Breitengraden oder mit zu großen Mengen schmerzhafter Sensibilität und geistiger Feinheit gesegnet sind, um darin oder am Rande dessen länger unbeschadet bestehen zu können? Was ist mit dem unausweichlichen Seelenschaden, den wir alle, die Individuen einer bis vor kurzem doch recht „gut“ funktionierenden demokratischen Gesellschaft, erleiden müssen, wenn wir das größere und essentielle Bild von regionaler und weltweiter Mitmenschlichkeit und Brüderlichkeit aus den Augen verlieren, beziehungsweise es nie dazu kommt, dass unser Sichtfeld diese naiv-scheinenden Inhalte überhaupt registriert? Man kann nicht umhin, entweder schlapp oder traurig festzustellen, dass wir alle eine Horde von Schläfern sind. Wir alle. Denn wenn der Wunsch es zu ändern, bereits akut wäre, dann würde es wohl geschehen. Wir fliegen ja auch zum Mond und errichten Luftbrücken und sind barmherzig genug, Milliarden von Euros und Dollars in Krisenregionen zu schicken, die von Naturgewalten heimgesucht werden. Wir können, wenn wir wollen, wir greifen ein, wenn wir sehen. In diesem Fall sehen wir nicht. Oder wir sehen nicht hin. Es scheint noch nicht so weit zu sein. Weder Mut noch Güte gibt es in Plastikflaschen. Womöglich wird man in 1000 Jahren auf diese Epoche der fortschreitenden Mammondiktatur zurückschauen und sie in einem Schulunterricht, der keine Noten mehr braucht, weil längst verstanden wurde, dass nicht leistungshervorpressende Angst vor Versagen, sondern Freude am Gelingen der Schlüssel zu friedvollem Miteinander ist, kopfschüttelnd betrachten als die Zeit der eskalierten Habgier, der hemmungslosen Egozentrik und der stumpfen, lethargischen Lieblosigkeit. Sollten wir nicht also wenigstens - auch wenn die neue Zeit noch nicht gekommen ist, zu verstehen, den Blick zu korrigieren - ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass sie kommen wird? Dass die später auf dieser wundervollen Welt lebenden Seelen fragen werden, warum wir vor unserer Ohnmacht kapituliert haben? Warum wir nicht still geworden sind, den Blick gesenkt haben, in uns gegangen sind, um dort eine liebevolle Mitmenschlichkeit zu finden, die das vielleicht alles hätte verhindern können?

Klingt es nicht verlockend? So verlockend wie vor zweitausend Jahren schon, als Jesus uns eben diese Botschaft hinterließ? Selig sind die Barmherzigen, die Traurigen, die Friedensstifter, jene, die ihre Feinde lieben. Warum tun wir es also alle nicht? Die Revoluzzer nicht, die vermeintlich und wirklich Gläubigen nicht, die Klugen nicht, die vor Missionseifer glühenden Religiösen nicht, die Guten nicht, die Sanften nicht?“

Der Mann im Spiegel schaute mich nach seinem atemlosen Wortschwall eindringlich an. Ich war etwas überrascht davon, dass er plötzlich eine Pause machte. Ich seufzte, teils weil ich mich schlicht überrumpelt fühlte, teils wegen der inhaltlichen Wucht und der nun im Raum stehenden Frage, die ich keineswegs beantworten konnte.

Ich sage es dir, falls es dich betrifft“, machte er glücklicherweise weiter, ohne eine Antwort von mir abzuwarten. „Es folgt nun nämlich ein wesentliches Ach, das sämtlichen selbsternannten Weltverbesserern unter uns sogleich alle erhobenen Zeigefinger brechen und alle Weisheitszähne ziehen sollte: Es gibt in all dem also dummerweise eine Hürde zu überwinden, die man weder mit Gewalt noch mit politischen Umstürzen bekämpfen oder bewirken kann, nichtmal mit der Wucht des aufrichtigen Wollens, nicht mal der größten Disziplin gegen sich selbst: Das sind die Seelen in unserem Spiegel. Das bist du. Das bin, genauer gesagt, ich. Das vermeintliche Selbst, das mit sich eins wäre. Das vielleicht-Ich, das wandelbare Ich, das Du-Ich, das stets und zutiefst Höchstindividuelle. Es scheint, selbst wenn wir wollen oder wollten: wir sind offensichtlich noch nicht soweit, wirklich zu können. Die Evolution der Seelen ist vielleicht in vollem Schwung, aber wenn das stimmt, dann ist der Kreis noch nicht geschlossen.“
Ich wusste absolut nicht, was ich sagen sollte und versuchte, meinen Blick abzuwenden und noch etwas mehr Orientierungslosigkeit vorzutäuschen.
Nein, schau mich gründlich an“, forderte mein Spiegelbild nun. „Was entdeckst du?“
Ich zögerte, da ich verstand, dass es nichts über unsere sorglose Rasur erfahren wollte.
Keine Ahnung. Ich sehe nur Überforderung“, sagte ich, „aber ich weiß gerade nicht, ob es meine oder deine ist.“
Der Mann im Spiegel nickte. „Ja, du siehst Überforderung, die Anstrengung, den schleichenden Kampf darum, die Unmöglichkeit, uns aus uns selbst überhaupt in ein schöneres, anders schauendes „neues“ Selbst wachsen zu lassen, das sich von dem Alten mit aufrichtiger Hingabe loszulösen vermag. Du siehst ein Selbst, das keine Weltenschelte verdient, das gar nicht wirklich auf der faulen Haut liegt, sondern sich wirklich verändern möchte, aber nicht schneller und besser kann. Das sich täglich an sich selbst grämt und reibt und in diesem Prozess Zweifel gebiert, die zuweilen so stark sind, dass es sogar fast unmöglich scheint, dieses unvollkommene Selbst für wirklich liebenswürdig zu halten. Du siehst Angst, die aus der Reflektion entsteht. Sobald sie zu tief geht, schreckst du zurück – und ich mit dir. Aber wenn du jetzt ganz genau hinsiehst, entdeckst du gleichzeitig ein Selbst, das sogar von gewisser - immer dann wenn es liebt, sogar von atemberaubender - Schönheit ist, ohne auch nur im Geringsten zu verstehen, woher diese denn eigentlich kommt; ein Selbst, das bereits durch so vieles gegangen ist, viele Schlachten geschlagen und viele Lieder gesungen hat. Es hat Zeile um Zeile geschrieben, stets im Bemühen innerlich weiterzukommen. Es hat Zärtlichkeiten und Dummheiten verteilt und eine Reihe von Triumphen und Niederlagen genossen oder erlitten, die mit dem leicht zu kritisierenden Außen ja nur peripher überhaupt zu tun haben. Dieses Selbst, das längst darüber hinweg ist, auf die „Anderen“ zu schimpfen, weil es versteht, dass es Selbst die Anderen ist, dass es wirklich im „gleichen Boot“ sitzt und es keinen Grund gibt, das länger zu leugnen. Hier im Spiegel ist dieses hoffende und darin langsam wieder einem Kind ähnlich werdende Selbst, das dennoch so oft vergeblich versucht, sich, das kleinere Selbst gleichzeitig im größeren Selbst von allem zu begreifen und daran schon allein wegen der Unmöglichkeit der Perspektive immer wieder scheitern muss. Dieses Selbst kann doch im Grunde nichts tun, als festzustellen, dass es selbst nichts weiter erlebt, als eine Freiheit zu ersehnen, die nach scheinbar Unmöglichem, nämlich nach ewiger Heimat und Geborgenheit duftet - für sich, vielleicht, in den besten Momenten, gar für alle. Für die Pleitemanager, die vom Hochhaus springen, ebenso wie für die armen, vergessenen Kinder, deren Bäuche seit Wochen, Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten nur mit heißer Luft gefüllt sind. Freiheit. Ja. Verdammt nochmal: Liebe. Ihr wird aus vermeintlich allerbesten, rationalen Gründen das Wachstum verwehrt. Sie aus Scham und Angst vor der Wucht unserer eigenen Traurigkeit zu trivialisieren, sie lächerlich zu machen – das ist das eigentliche Verbrechen, das schlimmste, das man sich überhaupt vorstellen kann.“
Ich nickte still. Mein Spiegelbild kam langsam zum Ende seiner Rede.
Liebe. So naiv es auch immer wieder klingen mag. Du musst dich um mich kümmern. Ich bitte dich darum. Du musst mich lieben, um dich und die Welt zu verändern. Wir Spiegelbilder sind diesbezüglich alle gleich. Wir alle suchen eine Liebe, die nichts für sich will. Eine, die einfach nur ist, die sprachlos existiert, unveränderbar und unerschütterlich ist, eine, die nicht mehr verdammt ist, zu suchen, weil sie alles in sich gefunden hat, was mit Worten, Gefühlen, Verstand oder Geist überhaupt zu fassen wäre. In ihr ist ein Selbst zu finden, das den Wahn verliert. Solange das aber unmöglich, die lange Suche nicht von Erfolg gekrönt ist, wird es ihm, dem losgelösten, eingebetteten Selbst und dem was auch du folgerichtig für „dich“ hältst, ebenso wie all den anderen lethargischen Schläfern, die ihr abgespaltenes ich für ihr ganzes „sich“ halten, unmöglich sein, etwas anderes zu tun, als durch den Modder zu schwimmen, der für uns Wohlhabende ja viel mehr ein Innerer ist, dabei zu keuchen, zu suchen, in all der gefühlten Sinnlosigkeit möglichst nicht in Schönheit, sondern sinnvoll zu vergehen. Aber in all dem - wer mag es leugnen, nicht trotz, sondern wegen der Ohnmacht, die uns lähmt: Es wird Zeit für dich zu glauben, Zeit zu gehen, wenn es nicht anders geht, dann eben im Stehenbleiben zu gehen. Zeit zu glauben, dass es etwas anderes gibt, als dein aufgeblasenes, stolzes, ängstliches „Ich“, dein großes religiöses, festgefahrenes, tradiertes „rechtgläubiges“ Ich, aus dem sich immer wieder das große, kollektive, weichgekochte, emotionslose, grausame „naja, es wird mit uns allen schon werden“ herausschält. Tatsächlich wird es nur werden, wenn du beginnst, der Ahnung zu trauen, das dein „Ich“ nicht im „Ich“ endet, dass es in ein „uns“ mündet, das den Himmel, die Tulpen, die Bunten und die Dunklen, die Traurigen und die Fröhlichen, die Verarmten und Bereicherten, die Bäume und die Blätter und die Vögel und die Füchse ebenso beinhaltet wie dich und mich. Und dann, nur dann, wenn es die Herzen ansteckt, wenn wir alle außerhalb eines schließlich reformierten, nicht mehr matten Ichs noch an etwas Höheres glauben, als unser Selbst, kann sich endlich in uns selbst etwas zum Positiven wandeln. Wir haben inzwischen nur uns, unsere individuelle Religion, unser Rechthaben, unser System, unsere Leistung, unsere Orientierungslosigkeit. Nie und nimmer wird das reichen. Wir brauchen mehr. Wir brauchen den Glauben an etwas, das uns Vertrauen in die Schönheit unseres Wesens gibt, etwas das mit dem Begriff „Gott“ nur sehr unzureichend beschrieben ist, weil der Begriff schon so oft von uns allen mißhandelt wurde. Wir brauchen etwas, das uns alle überzeugen würde. Die Spiegelbilder, zuallererst, brauchen eure Liebe, stärker, als sie je war, mächtiger als die immergrüne Diktatur der Selbstanklage und Lethargie und absurden, fanatischen Selbstgerechtigkeit.

Ich fühlte mich von dem Wortgewitter des Mannes im Spiegel jetzt geradezu überwältigt.
Wo und wie sollte ich beginnen?“ fragte ich, ernsthaft erschüttert.
Ich bat dich schon darum. Beginn bei mir“, sagte er und klang dabei für einen Moment beinahe flehend. „Versuch mich zu lieben und versuch etwas von mir in mir zu sehen, dass du vergessen hattest. Und dann glaub mit mir. Glaub mit mir, dass ich wertvoll bin, auch wenn du mich jetzt noch verachtest, weil du mich für eine Version von dir hältst, die nichts kennt als tiefe Angst.“

Ich schluckte. Und dann, ganz plötzlich, tat mein Spiegelbild so, als sei nichts geschehen und ahmte mich einfach wieder nur spröde-blöde nach, so wie es es schon immer getan hatte. Ich war irritiert und versuchte noch ein leises „Hallo?“, aber der Mann im Spiegel antwortete nicht mehr, sondern sagte bloß ebenfalls „Hallo“, völlig synchron und nun für mich völlig überraschend. Ich sah nur, wie sich seine Lippen bewegten, exakt wie meine, seine Stimme war nur noch in meinem Kopf. Er war wieder Teil von mir geworden, einem mir, einem Teil meines eingebildeten Selbst, das mir plötzlich auf ganz neue Weise unvollständig vorkam. „Liebe“ sagte ich leise und wandte mich vom Spiegel ab, „solange ich nichts von ihr verstehe, muss ich ihrem Duft weiter in Unbekannte folgen. Ich kann nichts versprechen. Aber ich will es riskieren. Ich vertraue darauf, dass mich dabei etwas tragen und halten wird, das keinen Namen hat. Etwas, das sich auch heute noch täglich aus den brennenden Büschen der Welt als „das ewig Seiende“ vorstellt.

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pax
j.

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